Zahlreiche Jugendliche kommen jedes Jahr zum Salzburger Pfingst-Treffen der katholischen Loretto-Bewegung. Meine Zeit bei den Lorettos fühlte sich eher wie eine versuchte Gehirnwäsche an.

Während wir den steil aufsteigenden Festungsberg von Salzburg hinaufgehen, fangen plötzlich alle an, den Rosenkranz zu beten. Keuchend und schnaufend denke ich mir am Weg zur Festung hinauf: In welcher Sekte bin ich hier gelandet?

Oben angekommen, richten wir uns zu der Seite der Stadt aus, wo sich das Salzburger Landeskrankenhaus mit der Abtreibungsklinik befindet. Dann beginnt das Gebet. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern – ich erinnere mich aber sehr genau an den Inhalt und das Ziel des Gebets: Die Schließung der Abtreibungsklinik. Damals war ich 15 Jahre alt.

Ich wollte einfach nur nach Hause

Ich bin Feministin, seit ich sehr jung bin. Ich kann mich also exakt an das Gefühl erinnern, das in dieser Sekunde über mich gekommen ist. Ich war sprachlos, schockiert und wollte einfach nur nach Hause. Bis heute wird mir schlecht, wenn ich an diesen Moment denke. Den Moment, in dem ich realisiert habe, was die Lorettos versuchen, uns einzutrichtern. 

Ich erlebte einige prägende Momente in meiner Zeit bei den Lorettos, die mich bis heute verfolgen. Nach jeder Firmvorbereitungsstunde mussten wir etwa in einen sehr kleinen Raum mit düsterem, rötlichem Licht gehen.  

Alle Bilder: Sarah Lena Schlegel

Dort richteten wir uns dann zu einer Wand aus, einer Art Altar, und mussten still vor uns hin beten. Dennoch: Das Gebet gegen die Salzburger Abtreibungsklinik wird immer der prägendste Moment meiner Zeit bei den Lorettos bleiben. Es ist noch nicht so lange her, als all das passierte: Insgesamt rund 7000 Menschen waren damals, im Jahr 2016, nach Salzburg gekommen, zum jährlichen Pfingsttreffen der katholischen Loretto-Bewegung. 

Offen und progressiv? Nur scheinbar. 

Die Lorettos geben sich auf diesen Treffen offen und jugendlich. Ich war dabei, als tausende Jugendliche ihre Hände zum Himmel streckten und Gospel-Lieder sangen. Ihre Feste und Gebetskreise erinnern eher an amerikanische Kirchenfeiern mit viel Gesang und Bewegung. 

Damit verfolgen sie untypische Praktiken für das erzkonservative Österreich. Und genau dadurch gelingt es ihnen auch, neue Mitglieder zu rekrutieren. Gegenüber den Salzburger Nachrichten beschreibt Loretto-Gründer Georg Mayr-Melnhof die Strategie ganz offen: “Wir bedienen uns der Instrumente der Freikirche.”

Wie bin ich da reingeraten?

Zum Katholisch-Sein gehört die Firmung. Also meldete ich mich mit 15 bei einer Salzburger Pfarre zur Firmung an. In der Firmbroschüre meiner Pfarre las ich dann: „Wir haben uns für die geistliche Vorbereitung für die Loretto-Gemeinde entschieden, da hier Jugendliche unseren Firmlingen den Glauben zeitgerechter vermitteln können und Ihre Fragen besser verstehen.“

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt weder von den Lorettos gehört, noch beschäftigte ich mich viel mit dem christlichen Glauben. Doch da ich katholisch aufwuchs, war es für mich fast selbstverständlich, mich firmen zu lassen. Gar nicht so sehr aus eigener Motivation, sondern weil ich meine Familie nicht enttäuschen wollte. 

Adel und Reichtum im Hintergrund

Inzwischen habe ich mich schlau gemacht. Gegründet wurde die Loretto-Gemeinschaft im Jahr 1987 von Georg Mayr-Melnhof und zwei Freunden. Mayr-Melnhof, das bedeutet Geld, Macht und Einfluss.

Die österreichische Adels- und Unternehmer:innenfamilie ist in Europa ein großer Player in der Papierindustrie, jährlich macht sie rund zwei Milliarden Euro Umsatz. Dazu besitzt die Familie Güter in Salzburg, Oberösterreich und in der Steiermark. Damit sind die Mayr-Melnhofs unter den fünf größten privaten Grundbesitzer:innen in Österreich. Und dann ist da noch die Loretto-Gemeinschaft, die in Salzburg und Wien ihr Zentrum hat.

Die katholische Truppe hat Jugendliche als Zielgruppe ins Visier genommen. Nach der Gründung 1987 ist sie schnell gewachsen: Inzwischen ist die Loretto-Gemeinschaft nach eigenen Angaben in fünf Ländern vertreten – in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Großbritannien. Laufend eröffnet sie neue „Mission Bases“ und rekrutiert weitere Mitglieder. 

Firmlinge, wie ich es war, werden gezielt rekrutiert

Offiziell ist die Loretto-Gemeinschaft “ein privater Verein von Gläubigen”, wie sie selbst auf ihrer Homepage schreibt. Dennoch werden ihre Aktivitäten ganz offiziell auf der Website der Erzdiözese Salzburg beworben. So werden etwa von den acht Gebetskreise für Jugendliche, die die Erzdiözese aktuell bewirbt, sechs von den Lorettos organisiert

Der Werbetext:Hier kannst du nicht nur Bekanntschaft mit Jesus schließen, sondern bei Snacks und Getränken auch mit vielen anderen Christen.” Was Du dort mit den anderen Christ:innen tun kannst, bleibt damit leider offen. Doch es klingt nach einem katholischen All-Inclusive-Paket.  

Ich brauche mehr Punkte!

Ich war mit der Firmung im Jahr 2016 dran – einem der ersten Jahre, in denen sich einige Salzburger Pfarren darauf einigten, ihren Firmunterricht nur mehr bei der Loretto-Gemeinschaft anzubieten.  Es würde “gezielt” um Firmlinge “gebuhlt”, beschreibt ein Artikel in den Salzburger Nachrichten im Juni 2022 diese Strategie – offenbar unter Bezug auf Loretto-Quellen.

Ich war also 15 Jahre alt und bekam bei einem Kennenlerntreffen eine Stempelkarte in die Hand gedrückt. Mir wurde erklärt, dass ich eine gewisse Anzahl an Punkten erreichen müsse, damit ich mich am geplanten Tag firmen lassen dürfe. 

Einen Stempel, also Punkte, gab es für die Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten, beispielsweise an einem Kennenlernwochenende. Böse Zungen würden sagen: An einem Rekrutierungswochenende. Weil ich zuvor zu wenige Punkte gesammelt hatte, landete ich dann auch beim Fest der Jugend – samt Rosenkranz und Gebeten gegen Abtreibungskliniken. 

Exorzismus gegen Abtreibungen

Offiziell will sich die Loretto-Bewegung politisch nicht festlegen: “Inhaltliche Ansagen, wie sie andere Bewegungen vornehmen, wird man von uns nicht hören”, sagt Mayr-Melnhof den Salzburger Nachrichten. Es gehe nur um “Leadership”, also Führung. Welche Führung hier gemeint ist, zeigt sich dann aber in der Praxis.

Das Pfingsttreffen 2017 etwa beschreibt der Salzburger Pro-Choice Blog so: Zuseher_innen hätten per Live Stream verfolgen können, wie ein Loretto-Kader im Beisein des Salzburger Erzbischofs Franz Lackner “einen Laien-Exorzismus über die Gynmed abhielt und die ‘Dämonen’ aus der Klinik für Schwangerschaftsabbrüche im LKH austrieb“.

Die Lorettos händigten uns übrigens auch Zettel aus, auf denen eine Liste an Sünden stand. Weit oben auf der Liste: Pornografie, Masturbation und Sex vor der Ehe. Auch über LGBTQIA+ Menschen sprachen sich einzelne Lorettos indirekt öfter negativ aus.

Fast hätte es geklappt

Die meisten von uns waren damals 14 Jahre alt, ich war nur ein Jahr älter. Es ist ein Lebensabschnitt, in dem viele noch leicht beeinflussbar sind. Es ist die klare Strategie der Lorettos, wo Firmlinge gezielt ins Visier genommen werden. Auch bei mir hätte es fast geklappt: Ich trug für kurze Zeit eine Halskette mit einem Kreuz, betete fast jeden Tag und hatte sogar einen Rosenkranz bei mir.

Die Erinnerungen an diese Zeit kommen bei mir bis heute immer wieder hoch. Ich fühle mich traumatisiert. Einer Freundin von mir geht es sehr ähnlich. Wir reden immer noch regelmäßig über unsere damaligen Erlebnisse und versuchen, sie zu verarbeiten.

Wofür ich den Lorettos dankbar bin

Ich selbst bin damals glücklicherweise nicht rekrutiert worden. Viele andere Firmlinge aber sind der Loretto-Gemeinschaft in den letzten Jahren wohl in die Finger geraten. Und könnten jetzt mit extrem reaktionärer Propaganda infiltriert werden. Die Verantwortung liegt nicht nur bei Loretto, sondern bei der gesamten katholischen Kirche. 

Und ich selbst? Ich bin inzwischen aus der Kirche ausgetreten. Das ist das einzige, wofür ich den Lorettos dankbar bin.

Anmerkung des Herausgebers:

Ich habe bei der Loretto-Gemeinschaft um eine Stellungnahme zu den hier erhobenen Vorwürfen angefragt und einen detaillierten Fragenkatalog geschickt. Die Loretto-Gemeinschaft hat es vorgezogen, nicht zu antworten. 

Michael Bonvalot

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