Affenpocken wären die neue Schwulenkrankheit, heißt es in vielen Medien. Faschist*innen springen auf und bedrohen die LGBTIQ*-Community. Warum den Viren völlig egal ist, mit wem wir vögeln – und warum wir MPVX statt Affenpocken sagen sollten. Dr. Peter Hofer im Gespräch mit Michael Bonvalot.

Die Affenpocken sind der neue heiße Scheiß in der Boulevard-Berichterstattung. Nachdem die ersten Fälle in Europa nach einer Gay Pride auf Gran Canaria bekannt wurden, wird die Krankheit als neue “Schwulenkrankheit” bezeichnet. Ob das so stimmt und wie gefährlich die Krankheit tatsächlich ist? Das geht in der Berichterstattung oft unter.

Extreme Rechte wie die neofaschistische Gruppe Identitäre springen bereits auf den Zug auf und attackieren Events der LGBTIQ*-Community. Nachdem die Gruppe bereits letztes Jahr die Vienna Pride Parade gestört hatte, träumt sie heuer sogar von einem Verbot. Als Vorwand der Gruppe – die mit dem Schlagwort “Globohomo” homophobe Propaganda macht – dienen die Affenpocken.

Dr. Peter Hofer ist Arzt und Gerichtsmediziner in Salzburg. Er lebt selbst offen schwul. Im Gespräch mit Michael Bonvalot erklärt er, wie gefährlich die Affenpocken tatsächlich sind, warum das Framing als Schwulenkrankheit dumm und gefährlich ist – und warum wir künftig besser MPVX als Affenpocken sagen sollten.

Peter Hofer, ganz am Beginn für uns medizinische Laien: Was sind Affenpocken eigentlich?

Ganz allgemein sind die Affenpocken Viren aus der Gruppe der Orthopoxviren. Zu denen gehört auch das klassische Pockenvirus, das als ausgerottet gilt. Die Übertragung erfolgt zumeist über Nagetiere – und damit nicht primär über Affen, wie der Begriff Affenpocken vermuten lässt.

Dr. Peter Hofer. Bild: Privat

Der Name – den ich übrigens für durchaus problematisch halte – wurde gewählt, weil der entsprechende Virenstamm zum ersten Mal bei Affen beobachtet wurde. Die Erkrankung selbst ist dabei grundsätzlich selten. Bisher wird von Fällen zumeist aus West- und Zentralafrika berichtet.

Anmerken muss ich zu Beginn natürlich noch, dass ich kein Virologe bin, sondern Gerichtsmediziner. Für ganz detaillierte Informationen müssten wir dann eine/n Virolog*in hinzuziehen.

Warum hältst Du den Namen Affenpocken für so problematisch?

Grundsätzlich ist Affenpocken tatsächlich der wissenschaftliche Name der Krankheit. Die aggressive mediale Verwendung dieses Begriffs im Zusammenhang mit der Übertragung auf den Menschen verleiht dem Ganzen allerdings oft etwas Primitives. Es klingt, als könnten sich die Patient*innen die Krankheit nur im Rahmen exotischer Aktivitäten holen. Wenn wir die sozialen Medien verfolgen, sehen wir auch bereits, dass dem Ganzen eine oft rassistische Konnotation anhaftet. Motto: “Das haben uns schon wieder Ausländer aus dem Dschungel gebracht!”

Eventuell wäre es besser, wenn Medien einfach die international gebräuchliche Abkürzung verwenden würden, also MPV oder MPXV (englisch für Monkey Pox Virus). Nichts anderes tun wir bei COVID auch, was ja ebenfalls nur eine Abkürzung ist. Aber offenbar klingt MPXV nicht sexy genug, um es auf die Titelseiten zu bringen.

Du sagst, dass MPV zumeist in Afrika auftritt. Nun mehren sich aber auch die Fälle in Europa und den USA. Was ist da passiert?

Das ist bis jetzt tatsächlich noch nicht so ganz klar. Zumeist werden solche Fälle von Reisenden eingeschleppt, die aus Gebieten kommen, wo die Krankheit bereits verbreitet ist. Doch bis jetzt fehlt uns dieses Bindeglied, also der “Patient Zero”. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch stellt übrigens bei MPV auch grundsätzlich etwas sehr Ungewöhnliches dar.

Denn für die Übertragung braucht es verhältnismäßig langen, engen Kontakt zu einer infizierten Person. Grundsätzlich ist die Übertragung wohl auch über gemeinsam benutzte Gegenstände sowie als Tröpfcheninfektion möglich. Doch zumeist braucht es den Austausch von Körpersekreten.

Stimmt es denn, dass die ersten Fälle nach einer Gay Party bekannt wurden?

Ja, die ersten Fälle des jetzigen Ausbruchs traten zumeist bei Männern auf, die an Veranstaltungen rund um die Gay Pride auf Gran Canaria teilgenommen hatten. Das führte dazu, dass in ersten medialen Berichten von einer neuen „Schwulenkrankheit“ die Rede war. Das ist natürlich Unsinn.

Es war von Sex-Orgien und ausschweifenden Exzessen die Rede. Wer so etwas behauptet, hat von derartigen Veranstaltungen keine Ahnung.

Du lebst selbst offen schwul. Was denkst Du, wenn Du von einer neuen Schwulenkrankheit hörst?

Dass das einfach Unsinn ist. Im Umfeld einer Gay Pride kommt es vermutlich auch nicht zu mehr Sexualkontakten als auf irgendeinem großen Zeltfest wie etwa dem Münchner Oktoberfest. Hier werden erkrankte Menschen stigmatisiert.

Jede*r Erkrankte steht sofort im Verdacht, schwul oder bisexuell zu sein und an wilden Sex-Partys teilzunehmen. Das führt im schlimmsten Fall dazu, dass Menschen mit Symptomen aus Angst vor dieser Stigmatisierung keine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

Damit könnten sie schlimmstenfalls weitere Personen anstecken. Dabei wissen wir doch spätestens seit HIV und AIDS, dass Viren unsere Sexualität völlig egal ist.

Aber sind dann nicht einfach Sex-Partys das Problem?

Ich kann mich klarerweise auch auf Sex-Partys sicher verhalten und geschützten Verkehr haben, dann passiert mir auch nichts. Gleichzeitig reicht ein ungeschützter Sexualkontakt für eine Infektion, egal, wo der Sex stattfindet.

Insofern wird mir schlecht, wenn sich der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf Twitter hinstellt und schreibt, dass speziell schwule Männer aufpassen sollen, die anonymen Sex haben. Warum zum Teufel? Haben nur schwule Männer anonymen Sex?

Leben heterosexuelle Menschen nur in monogamen Beziehungen? Männer die Sex mit Männern haben, abgekürzt MSM, waren halt jetzt die ersten, die es erwischt hat. Aber natürlich sind längst nicht alle Erkrankten homo- oder bisexuelle Männer. Insofern ist so ein Framing unglaublich dumm und auch gefährlich. Ich kann nur appellieren: Hört auf, Affenpocken eine Schwulenkrankheit zu nennen.

Welche Probleme könnten sich aus Deiner Sicht ergeben?

Einerseits gibt es die Gefahr, dass heterosexuelle Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen. Die zweite große Gefahr ist, dass wieder einmal Stimmung gegen nicht heteronormativ lebende Menschen gemacht wird, momentan besonders gegen schwule Männer.

In Österreich kündigen einschlägige extrem rechte Gruppen wie etwa die sogenannten Identitären bereits “kreative Widerstandszeichen” gegen Veranstaltungen der Vienna Pride im Juni an. Gefordert wird aus diesen einschlägigen Kreisen sogar die Untersagung der Pride.

Dass Rechtsextreme auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, haben wir ja in den letzten Jahren unzählige Male gesehen. Insofern sehe ich hier eine ganz große Gefahr für die LGBTQI+-Community. Und nicht nur ich, sondern auch viele meiner Freund*innen haben Angst, was jetzt noch passieren könnte.

Kann dieses Framing noch aufgehalten werden?

Ehrlich gesagt fürchte ich, dass der Zug im Großen und Ganzen abgefahren ist. Die Medien und die Politik haben zugelassen, dass eine Erkrankung einer ohnehin marginalisierten Gruppe umgehängt wird. Es ist das Gleiche wie vor 40 Jahren bei HIV.

Das ist jetzt in den Köpfen der Menschen verankert und das bekommst du auch so schnell nicht wieder raus. Von Seiten der Medien wünsche ich mir differenzierte Berichterstattung, von Seiten der Politik ein klares Statement, dass es sich natürlich nicht um eine Krankheit schwuler Männer handelt.

Und was sollte aus Deiner Sicht rund um die Pride geschehen?

Es ist zwingend erforderlich, die Veranstaltungen im Pride Month speziell zu schützen und sofort hart gegen jede Form von Homophobie und Gewalt vorzugehen. Und was es natürlich auch braucht, ist eine solidarische LGBTQI+-Community, die sich im Notfall auch zur Wehr setzt.

Der Donaukanal in Wien. Bild: Michael Bonvalot

Auch wenn Rechtsextreme gerne das Bild der verweichlichten Homosexuellen zeichnen, erinnere ich sie nur daran: Die Pride Parade ist eine Erinnerung an den Stonewall-Aufstand in New York: The first pride was a riot.

Abschließende Frage: Wie wird es mit MPV weitergehen?

Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Bis jetzt gibt es verhältnismäßig wenige Fälle. Die Krankheit ist an sich schwer zu übertragen. Insofern denke ich nicht, dass es in einer Pandemie des Ausmaßes von COVID-19 enden wird. Zudem gibt es durchaus wirksame Impfungen, auch Therapien sind in der Erprobung.

Zudem sind die Verläufe in den meisten Fällen um einiges milder als bei den klassischen Pocken. Insofern habe ich jetzt keine große Angst davor. Aber es gibt sicher noch viele Fragezeichen und es gilt auf jeden Fall, den Verlauf weiter zu beobachten.

Allerdings haben einige afrikanische Wissenschaftler*innen schon davor gewarnt, dass sich westliche Staaten wieder Impfungen und Medikamente unter den Nagel reißen könnten und diese dann in den gefährdeten Ländern Zentral- und Westafrikas fehlen könnten.

Der Kampf gegen solche Erkrankungen darf nie zu Lasten der Schwachen gehen, er kann nur solidarisch gewonnen werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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