Eine neue Gedenktafel im Wiener Karl-Marx-Hof erinnert an 46 jüdische Menschen, die von den Nazis ermordet wurden. Die Tafel steht gleichzeitig exemplarisch für Wiens Erinnerungspolitik – und die ist bis heute voller blinder Flecken, Lücken und Probleme.
Insgesamt 212 Menschen mit jüdischen Wurzeln wohnten zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch die Nazis im Karl-Marx-Hof. Das berichtet die Stadt Wien anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel. All diese Menschen mussten ihre Wohnungen innerhalb einer Kündigungsfrist von zwei Wochen verlassen. Dann mussten sie flüchten oder wurden verschleppt und ermordet. Es ist gut, dass der ermordeten Menschen nun gedacht wird. Doch gleichzeitig diese Gedenktafel kann nur ein erster notwendiger Schritt sein.
Bis heute kaum Gedenken in den Gemeindebauten
Denn bis heute gibt es vor den Gemeindebauten keine Stolpersteine der Erinnerung. Doch insgesamt waren es tausende Menschen, die allein in Wien aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln aus ihrer Gemeindewohnung geworfen wurden: „Mit Beschluss vom 14. Juni 1938 haben die Nationalsozialisten tausende jüdische Mieterinnen und Mieter systematisch aus ihren Gemeindewohnungen vertrieben. Hinter jeder Delogierung stand ein menschliches Schicksal, das leider oftmals in der Ermordung endete“, so Wiener-Wohnen-Vizedirektor Johannes Pritz.
Doch die neue Tafel ist gleichzeitig auch eine Erinnerung für einen Umstand, der bis heute oft kaum besprochen wird: Es gab nicht nur Opfer, sondern auch Personen, die sich bereichert oder profitiert haben. Sie haben die Menschen bedrängt, ihre Wohnungen geplündert oder/und die Wohnungen danach übernommen. Um die Dimension zu verdeutlichen: Im Jahr 1934 gab es in Wien laut Statistik Austria noch 1.935.881 Einwohner:innen.
Schon 1939 waren es nur noch 1.770.938 Einwohner:innen. Das sind rund 165.000 Menschen weniger. Und das gleichzeitig sind sehr viele Wohnungen, Arbeitsplätze, kleine Geschäfte. Die Nachkommen der Täter:innen profitieren oft bis heute.
Das große Schweigen dauert bis heute
Und noch etwas sollte uns die neue Gedenktafel in Erinnerung rufen: In vielen Städten gibt es Stolpersteine für alle Opfergruppen. In Wien dagegen gibt es zwar verdienstvoller Weise endlich Erinnerungssteine für Menschen mit jüdischen Wurzeln. Doch andere Menschen fehlen, die von den Nazis ermordet wurden: Politische Gegner:innen, Menschen aus der Roma- und Sinti-Minderheit, Schwule, Lesben und trans*Menschen, Menschen mit Behinderung und viele mehr.
Gleichzeitig sendet die Stadt Wien selbst absurd widersprüchliche Signale. Einerseits wird endlich eine wichtige Gedenktafel enthüllt. Fast gleichzeitig wurde allerdings am 10. Juni auch das umgestaltete Denkmal für den Antisemiten und Ex-Bürgermeister Karl Lueger präsentiert. Um 3,5 Grad geneigt, doch frisch saniert und renoviert ragt es nun erneut gleich bei der Wiener Ringstraße in den Himmel. Um das einzuordnen: Hitler schrieb über Lueger in „Mein Kampf“, er halte ihn für den „größten deutschen Bürgermeister aller Zeiten“.
Die neue Gedenktafel im Karl-Marx-Hof ist damit gleichzeitig Auftrag und Erinnerung: Es müssen endlich überall alle Opfer sichtbar gemacht werden. Ehrungen für Antisemit:innen, Faschist:innen und Nazis müssen verschwinden. Und wir müssen den Anfänger:innen wehren. Denn „Nie wieder“ ist jetzt.
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