Jura Soyfer wurde offiziell am 16. Februar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald von den Nazis ermordet. Eine Würdigung und Erinnerung an einen großen österreichischen Schriftsteller!
Geboren wurde Jura (eigentlich Juri) Soyfer am 8. Dezember 1912 in eine jüdische Familie in Charkiw in der heutigen Ukraine. Nach Wien kann die Familie, als Jura noch sehr jung war – und im „Roten Wien“ wurde Soyfer politisiert.
Der junge Jura engagierte sich im „Verband sozialistischer Mittelschüler“, der Schüler:innenorganisation der Sozialdemokratischen Partei (SdAP). Schnell begann Soyfer zu schreiben, er hatte enormes Talent, egal ob Theater, Kabarett, Gedichte oder kurze Texte. Einige seiner Gedichte wurden später von den großartigen Schmetterlingen vertont – ihre LP/CD „Jura Soyfer Verdrängte Jahre“ ist unbedingt hörenswert! Einige dieser wunderbaren Lieder sind auf diesem Youtube-Kanal zu finden.
„Zwischenrufe links“
Soyfer schreibt in dieser Zeit auch eine regelmäßige Kolumne in der Arbeiterzeitung, dem damaligen Zentralorgan der SdAP. Es sind Texte, Gedichte, politische Polemiken. Der Titel dieser Kolumne: „Zwischenrufe links“. Es ist ein Name, der mich inspiriert hat – meine Seite auf Facebook nannte ich sehr lange „Zwischenrufe“.
Besorgt beobachtet Soyfer vor allem den Aufstieg des Faschismus in Österreich und in Deutschland. Und er sieht das Versagen der Linken. Als die Nazis 1933 in Deutschland an die Macht kommen, erinnert er an den revolutionären Umsturz von 1918 und 1919:
„Wären wir wie sie so hart
Gewesen, als wir an die Reihe kamen,
Hätten wir uns Herrn Hitler erspart …“
Nach dem Ersten Weltkrieg hätte die Arbeiter:innenbewegung vor allem in Österreich alle Möglichkeiten gehabt, die Macht zu ergreifen. Damit hätte möglicherweise das Grauen des Faschismus verhindert werden können. Doch die Gelegenheit geht ungenutzt vorüber – als die katholische und die nationalsozialistische Rechte immer stärker wird, wird sich das blutig rächen. In den Zeilen Soyfers spiegeln sich die Frustration und die Wut über die Folgen.
Nachdem die Faschist:innen dann im Februar 1934 auch in Österreich endgültig die Macht ergreifen, wird Soyfer wie viele andere ein sogenannter „Februarkommunist“. Und er schreibt sein niemals fertiggestelltes Romanfragment „So starb eine Partei“. In diesem packenden Roman verarbeitet er seine Enttäuschung über das langjährige kampflose Zurückweichen der Sozialdemokratie vor dem Faschismus. Es ist ein Text, der ungemein bewegend und zeitlos lesenswert ist.
Im Austrofaschismus bleibt Soyfer literarisch weiter aktiv und schreibt mehrere Theaterstücke. Mit scharfem Witz nützt er die Lücken der Zensur, etwa in seinem Stück „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“. Soyfer ist dabei als Schriftsteller und Autor unglaublich produktiv und kreativ: Sein Gesamtwerk umfasst rund 1000 Seiten, obwohl er zu zum Zeitpunkt erst Mitte 20 sein wird.
Eines der beeindruckendsten Gedichte von Soyfer ist sicherlich das „Lied des einfachen Menschen“. Es ist eine scharfe und bittere Anklage des Bestehenden, aber auch eine Hommage an die Zukunft:
„Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden’s eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen,
Aber sind wir heute Menschen? Nein!
Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
und Widerhall des toten Widerhalls.
Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir in unser’n tief entmenschten Städten
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!
Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und uns’re eignen Schatten allesamt.
Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt’s dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien,
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!
Wir sind das schlecht entworf’ne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!“
Die Schmetterlinge haben auch dieses Gedicht vertont, ihr könnt es hier hören:
Im Herbst 1937 wird Soyfer erstmals für drei Monate inhaftiert – die Täter sind die herrschenden Austrofaschist:innen, also die Vorläufer der heutigen ÖVP. Er kommt schließlich noch kurz bei einer Amnestie wieder frei.
Doch als die Nazis schließlich in März 1938 in Österreich einmarschieren, weiß Soyfer genau, dass er flüchten muss – als bekannter Kommunist mit jüdischem Hintergrund steht er ganz oben auf den Mordlisten der Faschist:innen. Er versucht noch, von Vorarlberg auf Skiern in die Schweiz zu entkommen. Doch österreichische Polizisten verhaften Jura am Tag nach dem „Anschluss“ an der Grenze – er schafft es nicht mehr, das Land zu verlassen.
Jura wird von den Nazis ins KZ deportiert, erst nach Dachau, dann nach Buchenwald. Sogar dort ist Jura Soyfer noch literarisch aktiv und schreibt das berühmte ,„Dachau Lied“:
„Vor der Mündung der Gewehre leben wir bei Tag und Nacht
Leben wird uns hier zur Lehre, schwerer als wir’s je gedacht.
Keiner mehr zählt Tag und Wochen, mancher schon die Jahre nicht
Und so viele sind zerbrochen und verloren ihr Gesicht.“
Jura Soyfer selbst lebt nicht mehr lange, nachdem er das Dachau-Lied geschrieben hatte. Offiziell stirbt er am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald mit erst 26 Jahren an Typhus. Gestorben ist er an den grausamen Verhältnissen im KZ. Die Nazis sind seine Mörder.
Jura und alle anderen Opfer des Faschismus: Niemals vergessen!
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