Ermittlungen nach einer Hakenkreuz-Schmiererei in einem wohl internen Bereich des früheren KZ! Erst jüngst wurde auch ein ehemaliger Zivildiener verurteilt. Beide Fälle stehen für ein größeres Problem.
Noch widerlicher wird schwierig! Die Nazis haben im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen mindestens 90.000 Menschen ermordet. Die Nazis haben diese Menschen vergast, zu Tode gefoltert oder durch Hunger, Kälte und Krankheiten getötet. Und genau an diesem Ort unsäglicher Verbrechen hat jemand in einem internen Bereich ein Hakenkreuz gemalt!
Titelbild: Kasa Fue, CC BY-SA 4.0
Entdeckt wurde das Hakenkreuz auf einem Tisch bereits Anfang Februar, wie Gedenkstätten-Sprecherin Valerie Seufert nach meiner Anfrage bestätigt. Der Vorfall sei „sofort zur Anzeige gebracht“ worden, so Seufert. Die Ermittlungen der Polizei hätten allerdings zu „keinen klärenden Erkenntnissen geführt“.

Bild: Mauthausen Memorial, Stephan Matyus
Die Landespolizeidirektion Oberösterreich bestätigt auf meine Anfrage das Einlangen der Anzeige. Es seien „Ermittlungen geführt und letztendlich eine Anzeige gegen Unbekannt an die zuständige Staatsanwaltschaft Linz erstattet“ worden.
„Öfter mal ein Hakenkreuz dabei“
Offen ist allerdings weiterhin, wer für die Nazi-Schmiererei verantwortlich ist. Gedenkstätten-Sprecherin Seufert spricht von einem „für alle zugänglichen Raum“. Damit könnten also auch bewusste Provokateur:innen von außen verantwortlich sein. Eine Person, die mit der Sachlage gut vertraut ist, sagt dagegen, es hätte sich um einen „Aufenthaltsraum für Mitarbeiter:innen“ gehandelt. Die Person möchte namentlich nicht genannt werden.
Auch diese Person schränkt ein: „Theoretisch könnten tatsächlich viele hineingehen in den Raum.“ Es könnte ein/e Mitarbeiter:in gewesen sein, jemand von einer Fremdfirma oder auch ein/e Besucher:in. Die Person sagt aber auch: „Wahrscheinlich ist es nicht, dass jemand von außen in den Raum kommt.“
Und es sei auch nicht das erste Mal, dass in der Gedenkstätte einschlägige Aufschriften auftauchen: „Es werden laufend Anzeigen gemacht wegen irgendwelcher Schmierereien. Da ist öfter einmal ein Hakenkreuz dabei.“ Erst unlängst sorgte ein weiterer Vorfall in der Gedenkstätte für Aufsehen.
Amok-Drohungen in der Gedenkstätte
Im Oktober wurde ein ehemaliger Zivildiener der Gedenkstätte rechtskräftig zu acht Monaten teilbedingter Haft verurteilt. Der 20-jährige Oberösterreicher hatte Anfang September einen Amoklauf im ehemaligen KZ angekündigt.
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Seinen Zivildienst hatte er mutmaßlich Anfang Jänner angetreten. Laut OÖN [Paywall] hatte der Mann dann gedroht, am Ende seines Zivildienstes Ende September alle Angestellten der Gedenkstätte zu erschießen. Der Mann ist oder war Mitglied der FPÖ – die FPÖ hat nach Angaben von Anfang Oktober ein Parteiausschlussverfahren „eingeleitet“.
Nur „Blödsinn“?
Laut dem zuständigen Staatsanwalt habe der Täter gesagt, er werde sich schwarz kleiden, eine Fliegerbrille aufsetzen und die Pistole seines Vaters holen, zu der er Zugang habe. Zur Untermauerung hätte er einem Kollegen ein Foto gezeigt, auf dem er die Waffe in der Hand hatte.
Das sagte der Staatsanwalt in seinem Eröffnungsplädoyer, berichtet der ORF Oberösterreich. Laut Richterin hätten sich die Drohungen sogar über mehrere Tage hinweg gezogen. Die abstruse Rechtfertigung des Täters: Er habe „im Zivildienst viel Zeit gehabt“, daraus wäre „viel Blödsinn“ entstanden.
„Bereits davor einschlägig aufgefallen“
Die versuchte Verharmlosung sieht das Gericht offenbar nicht so: Der Mann bekommt acht Monate teilbedingt wegen gefährlicher Drohung und Vergehen nach dem Waffengesetz. Die bereits erwähnte Person mit Zugang zu internen Informationen aus der Gedenkstätte sagt auch: „Der Mann ist bereits davor einschlägig aufgefallen.“
Die Oberösterreichischen Nachrichten [Paywall] berichten ebenfalls, dass der Mann mehrmals deutlich gemacht hätte, dass er „Juden hassen“ würde. Dazu hätte er einen Werbeartikel des Rings Freiheitlicher Jugend (RFJ) mit sich getragen, der Abschiebungen propagiert.
Wie kommt dieser Zivildiener in die Gedenkstätte Mauthausen?
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Und damit stellt sich eine entscheidende Frage: Warum kann eine Person mit solchen Ansichten Zivildienst in der Gedenkstätte machen? Laut Sprecherin Seufert würden potentielle Zivildienstleistende „einen üblichen Bewerbungsprozess mit der Einreichung von Unterlagen sowie einem Bewerbungsgespräch“ durchlaufen.
Wenn der Bewerber geeignet erscheint, würde bei der Zivildienstserviceagentur eine Anforderung eingereicht. Die Agentur könne dazu auch junge Männer zuteilen, die sich nicht eigenständig beworben hatten. Das sei jedoch nicht die gängige Praxis: Über Initiativbewerbungen werden meist „mehr als ausreichend Zuteilungsanträge seitens der Gedenkstätte“ gestellt, so Seufert. Für die aufgenommenen Bewerber gäbe es dann eine zweiwöchige Ausbildungsphase sowie laufende Fortbildungen.
Damit gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder hatte der nun verurteilte Zivildiener die Gedenkstätte bei der Aufnahme bewusst getäuscht. Oder es wurde bei der Bewerbung nicht genau hingesehen – was kein gutes Licht auf den Bewerbungsprozess wirft. Und vor allem wurde offensichtlich auch nicht gehandelt, als der Mann offenbar bereits auffällig geworden war. Zur Erinnerung: Der Mann soll bereits vor dem angedrohten Amoklauf mehrmals einschlägig aufgefallen sein.
Fragwürdige Personalentscheidungen
Ein besonders sensibler Bereich in Mauthausen ist das Besucher:innen-Service. Denn die Besucher:innen der Gedenkstätte sind Menschen, die sich über die Verbrechen der Nazis informieren wollen, die Nachkommen von Opfern und auch die letzten Überlebenden.
Doch die Gedenkstätte setzt sogar in diesem sensiblen Bereich Zivildiener ein. Also junge Männer ohne irgendeine adäquate Ausbildung. Und das muss zu Problemen führen. So könnte auch der jetzt verurteilte Mann im Besucher:innen-Service eingesetzt worden sein. Zur Erinnerung: Er wurde nicht nur wegen des angedrohten Amoklaufs verurteilt, laut OÖN war er auch zuvor in der Gedenkstätte wegen Antisemitismus aufgefallen.
Auf Anfrage dazu will sich die Gedenkstätte zu einzelnen Personen nicht konkret äußern und sagt nur, dass Zivildiener „in allen Bereichen der Gedenkstätte eingesetzt“ werden. „Alle Bereiche“ würde übrigens bedeuten, dass Zivildiener dazu sogar Führungen für Besucher:innengruppen durchführen. Ich habe selbst mehrmals als Sozialarbeiter Exkursionen für Jugendliche nach Mauthausen organisiert. Die Führungen waren so schlecht und pädagogisch ungeeignet, dass ich das lieber selbst übernommen habe.
Zivildiener sind nicht geeignet
Doch gerade in der Gedenkstätte Mauthausen ist offensichtlich: Es muss sichergestellt sein, dass alle inhaltlichen Mitarbeiter:innen über umfangreiches Wissen sowie exzellente pädagogische und soziale Qualifikationen verfügen. Zivildiener sind hier im Regelfall also schlicht ungeeignet.
Im Hintergrund geht es offensichtlich auch um finanzielle Fragen: Zivildiener sind wesentlich billiger als ausgebildetes Personal. Verantwortlich für die Gedenkstätte Mauthausen ist das Innenministerium unter ÖVP-Innenminister Gerhard Karner.
Eine Geschichte der Verdrängung
Und damit sind sowohl die Gedenkstätte wie das Innenministerium gefragt: Die Gedenkstätte muss sicherstellen, dass in allen sensiblen Bereichen ausschließlich Personen arbeiten, die sich der besonderen Tragweite dieses Ortes bewusst sind. Und diese Personen müssen auch ohne jeden Zweifel hinter dem antifaschistischen Auftrag der Gedenkstätte stehen. Die gesamte Geschichte der Konzentrationslager in Österreich ist ohnehin eine Geschichte der Verdrängung.
Denn KZs und Zwangsarbeiter:innenlager gab es im ganzen Land. Doch statt überall an diese Stätten der Vernichtung zu erinnern, wurde Mauthausen zum politisch bequemen Sammelbegriff. So konnten alle anderen Lager in der Wahrnehmung verschwinden. Meine umfangreiche Recherche über das weitgehend unbekannte Konzentrationslager Wien-Floridsdorf könnt ihr hier lesen. Meine Geschichte über das KZ Innsbruck findet ihr hier.
Die Gedenkstätte und die Republik müssen spätestens jetzt handeln
Und damit muss als erster Schritt zumindest die Gedenkstätte Mauthausen ausreichend gefördert werden. Wenn das Innenministerium zu wenig finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellt, muss die Gedenkstätte das öffentlich machen. Spätestens die aktuellen Fälle mit dem Hakenkreuz in der Gedenkstätte sowie dem verurteilten Zivildiener sollten absolut klarmachen, warum das notwendig ist.
Gleichzeitig sind auch Bund, Länder und Gemeinden in der Verpflichtung: Es müssen endlich überall würdige Gedenkstätten errichtet werden, wo österreichische und deutsche Nazis Menschen gequält, gefoltert und ermordet haben.
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