Wie sollen Städte in der Klimakrise aussehen? Zwei Kurz-Romane über Wien im Jahr 2075. Noch können wir uns entscheiden.
So: Das muss doch irgendwie besser gehen!
„Stell Dir vor, wie schön es ohne Autos wäre“, seufzt Aylin. Ihr Vater Matei stimmt zu. Die 13-jährige schaut aus dem Fenster ihrer Wohneinheit auf die vielspurige Simmeringer Autobahn – die zentrale Verkehrsverbindung in der südlichen Innenstadt von Wien. Wie immer ist die Autobahn auch am heutigen Sonntagvormittag völlig verstopft. Genau wie die sieben anderen Autobahnringe der Metropolregion Wien.
Aus der Wohneinheit im 87. Stock sieht Aylin hinter der Autobahn unzählige weitere Wohnblocks, sie reichen bis zum Horizont. Oder eigentlich nur bis zur hermetisch abgeriegelten Grenze der Ungaroslowakei. Denn ab der Grenzmauer versperren die undurchsichtigen Blenden der „Nationalrepublik“ den Blick nach Bratislava.

Bild: Denys Nevozhai
Doch auch diesseits der Grenze wirkt alles trist, grau und heruntergekommen. Dazu die dichten Dampfschwaden aus dem Atomkraftwerk Schwechat, wo ihr Papa arbeitet. „Bei unserer Aussicht legt sich sogar die Haide quer“, sagt Aylin zu ihrem Vater, der gerade seine Socken repariert. Ein schlecht gealterter Running Gag zwischen den Beiden, immerhin wohnen sie in der Simmeringer 7. Haidequerstraße.
Dass hier früher eine Haidelandschaft war, könnte sich in der zubetonierten Wiener Innenstadt heute allerdings niemand mehr vorstellen. Aylin lächelt müde über ihren eigenen Scherz und wendet sich vom Fenster ab. Es ist ein milder Juni-Sonntag im Jahr 2075, nur 41 Grad im Schatten.
Aylin fällt auf, dass er dabei immer öfter ganze Haarbüschel in der Hand hat.
Doch in der Wohneinheit ist es bereits brennheiß. Jetzt wird erstmal gefrühstückt, Matei stellt einen Krug entgiftetes Wasser auf den Tisch –vorsichtig, damit nichts daneben geht. Wasser ist teuer. Dazu verteilt er feinsäuberlich sechs Nahrungstabletten auf den beiden Tellern. „Die Ernteausfälle werden immer schlimmer“, murmelt er. Halblaut, damit Aylin es nicht hört. Doch sie sieht, dass sich ihr Vater mehrmals durch die schütter werdenden hellbraunen Haare fährt. Das macht er immer, wenn er nervös ist – und Aylin fällt auf, dass er dabei immer öfter ganze Haarbüschel in der Hand hat.
„Achtung! Kritische Feinstaub-Belastung! Das Öffnen von Fenstern ist gefährlich!“, warnt die NeuroSys der Wohneinheit durchdringend, als Aylin zur Fensterschnalle greift. Dazu leuchtet die Fensterscheibe rot. Es sind zwar ausschließlich E-Mobile unterwegs – doch am Feinstaub der zehntausenden Reifen ändert das auch nichts. Matei ignoriert das blinkende Fenster und schaut auf die Uhr: „Du musst gehen, wenn du nicht zu spät zur Arbeit kommen willst.“ Er selbst wird erst am Nachmittag losfahren, seine Schicht im AKW geht von 18:00 bis 10:00 Uhr. Aylin nickt und erinnert ihren Papa, dass sie noch die 130 Öros für den Sammelbus braucht.

Bild: Ilja Nedilko
Mit einem Seufzer gibt der Enddreißiger seiner NeuroSys den entsprechenden Gedankenbefehl, normalerweise erledigt die KI so etwas in einer Millisekunde. Erst kann Aylin allerdings überhaupt nichts erkennen, ihre eigene NeuroSys ist wohl wieder mal verrutscht. Kurz blitzen ihre leuchtend grünen Augen auf.
Vermutlich ist das Konto schon wieder leer, da kann die beste KI nichts machen.
Doch nachdem sie die Linse im rechten Auge geradegerückt hat, sieht Aylin, dass nur 110 Öros aufgeladen sind. Vermutlich ist das Konto schon wieder leer, da kann die beste KI nichts machen. Sagen will Aylin nichts, sie weiß ja, wie eng es finanziell ist. Die letzten paar Stationen ist also wieder mal laufen angesagt. Wenigstens gibt es gerade keine Aufenthaltsverbote im Freien.
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Bis zum Industriepark „Grüner Prater“, wo sie am Fließband arbeitet, braucht Aylin drei verschiedene Sammelbusse. Und wann die kommen, ist völlig unklar, schließlich ist die Donau wieder einmal überschwemmt und der toxische Schlamm sorgt für ein Verkehrschaos. „Mit dem Rad wär‘ ich viel schneller“, überlegt Aylin. Kosten würde es auch nichts. Aber bei dem Feinstaub und der Hitze? Die NeuroSys war da sehr deutlich. Außerdem will sie nicht schon wieder verdreckt in der Arbeit ankommen, die Schichtführerin hat schon letztens skeptisch geschaut. Und den Job verlieren wäre eine Katastrophe.
„Ist Dir heiß, trink den Scheiß!“
Warum ist eigentlich die Radstraße in die Leopoldstadt immer noch nicht fertig? „Die versprechen sie vermutlich seit der Multikrise von 2037“, flucht Aylin. Also doch der Sammelbus. Mit einem Achselzucken setzt sich Aylin die Atemschutzmaske auf, zieht ihre Schutzkappe über die lockigen dunklen Haare und geht los. Gleich vor der Tür ruft ihr die erste Werbetafel nach, dass sie sofort ein Fraggi zur Abkühlung kaufen soll. „Ist Dir heiß, trink den Scheiß!“ – Aylin kennt den Spruch im Schlaf. Kein Wunder, die Audio-Anzeigen brüllen den Slogan seit Wochen durch Wien. Dazu hört sie den Slogan auch noch alle 20 Minuten mitten im Gehirn, dafür sorgt die NeuroSys. Vielleicht wird sie sich ja irgendwann eine werbereduzierte Version leisten können.

Bild: Greg Wilson
Zum Sammelbus muss Aylin durch die Landbauergasse. „Zur Erinnerung an den Politiker Udo Landbauer, der in den 2020er Jahren erfolgreich den Bau einer autoschädlichen Straßenbahn im Süden der Metropole Wien verhinderte“, verkündet die riesige Anzeige. Aylin hat davon in der Schule gehört. Aber vielleicht wäre so eine Straßenbahn gar keine schlechte Idee, denkt sie. Das sagt auch Gabrio immer wieder, ihre beste Freundin. Und Gabrio ist ziemlich schlau.
„Erst haben sie alles privatisiert, dann haben sie alles zerstört“
Auch Emily, die Lebenspartnerin ihrer verstorbenen Oma, erzählt oft von früher. Da gab es sogar U-Bahnen in Wien – heute dienen die Schächte nur noch als Schlafplatz für die hunderttausenden Menschen, die sich keine Wohnung leisten können. „Erst haben sie alles privatisiert, dann haben sie alles zerstört“, flucht Emily oft. Ihr Zorn ist kein Wunder: Ihre Partnerin, Aylins Oma Klara, ist in der Zika-23-Pandemie gestorben. Und ihre letzten Tage waren furchtbar, nachdem sie die Medikamente nicht mehr bezahlen konnten.
Bei der Sammelbus-Station warten schon Dutzende Menschen. Und die Temperaturanzeige der NeuroSys steigt und steigt. Das wird wieder ein übler Tag, denkt Aylin. Das muss doch besser gehen.
Oder doch so: Während der Multikrise haben wir es verstanden
„Stell Dir vor, hier sind früher wirklich Autos gefahren“, sagt Aylin staunend zu ihrem Vater. Ihr Vater Matei nickt – er weiß das natürlich, doch es ist ja wirklich unglaublich! Die beiden beobachten vom Balkon entspannt das Treiben im Stadtpark Simmering, einem der zahlreichen Erlebnisparks der Metropole Wien. Am größten Spielplatz tollen Unmengen von Kindern herum, noch vor Kurzem wäre die 13-jährige mittendrin gewesen. Auf der schattigen Wiese daneben sieht Aylin dutzende Menschen beim täglichen Yoga, im Haidequerteich schwimmen Jugendliche um die Wette.

Bild: Arthur Shuraev
Ob ihre beste Freundin Gabrio auch dabei ist? Aus dem 87. Stock kann Aylin das nicht feststellen. Und den Zoom ihrer NeuroSys möchte sie nicht aktivieren, zu sehr genießt sie die sonntägliche Ruhe. Sie atmet tief durch und genießt den aufkommenden Wind. Hinter dem Stadtpark sieht Aylin bis nach Bratislava weitere Hochhäuser, großzügig verteilt zwischen Wiesen und künstlich angelegten Flussläufen.
Autos mitten in der Stadt – ein absurder Gedanke!
Am Horizont kann sie auch den Windpark Schwechat erkennen, wo ihr Papa arbeitet, dazwischen das charakteristische Blitzen der Fotovoltaik-Anlagen. Doch früher war hier tatsächlich eine Autobahn, wie Aylin von alten Bilddateien weiß. Autos mitten in der Stadt – ein absurder Gedanke! „Verdammt heiß ist es heute“, flucht Aylin und streicht sich ihre lockigen dunklen Haare aus der Stirn. Es hat zwar nur 33 Grad im Schatten, ein milder Juni-Sonntag im Jahr 2075.
Doch das ändert nichts daran, dass ihr heiß ist. Richtig heiß. Die Fernkälte kühlt zwar die Wohnung, doch am Balkon bringt das auch nichts. Dennoch genießen Aylin und Matei das sonntägliche Frühstück im Freien. Es ist ihr persönliches Ritual, Papa hat ihr wie immer ein Müsli mit Früchten gemacht, sie liebt ihn dafür! Er selbst begnügt sich mit einem Espresso, der sportliche Enddreißiger war noch nie ein Morgenesser.
Aylin liebt das saubere und klare Wasser der Donau
Zum Kaffee liest Matei auf seiner NeuroSys die Nachrichten, doch dann hat er eine Idee. Über einen Gedankenbefehl ruft er die Wettervorhersage auf seine Linse. Keine Unwetter am Nachmittag. „Was hältst Du von einem Radausflug?“, fragt er. „Wir könnten Oma Klara und Oma Emily besuchen.“ Aylin wollte eigentlich mit Gabrio schwimmen gehen. Aber sie liebt ihre beiden Omas und die beiden werden auch nicht jünger. „Gute Idee!“, ruft sie, und ihre grünen Augen blitzen fröhlich auf.
Dazu ist es ein wirklich schöner Weg mit dem Fahrrad: Quer durch die Parks von Simmering und den Prater-Wald zur Donau, wo die beiden Omas wohnen. Außerdem kann sie auch dort ins Wasser hüpfen, überlegt sie. Aylin liebt das saubere und klare Wasser der Donau.

Bild: Kato Bergli
Also ab in die Sonnenschutz-Dusche, damit es losgehen kann! Praktischerweise geht die Radstraße direkt vor dem Wohnhaus los, rechts und links die charakteristischen Orangenbäume der Metropole Wien. Gerade, als die beiden auf die Fahrräder steigen, fährt ein 97er vorbei. Die Verkehrsanbindung direkt vor der Haustür ist für Matei perfekt: Mit der Gleitschienen-Bahn kommt er direkt zu seinem Arbeitsplatz in Schwechat.
Wieder einmal überlegt Matei, ob er seine Arbeitszeit nicht doch reduzieren sollte. Erklären kann er ohnehin niemandem, warum er freiwillig über 20 Stunden in der Woche arbeitet. Doch Matei schiebt den Gedanken zur Seite, jetzt will er den Tag mit seiner Tochter verbringen! Die beiden genießen den Duft der Orangen, während sie die Harry-Glück-Allee entlangfahren. Den Routenplaner der NeuroSys brauchen sie dabei natürlich nicht – den Weg zu den Omas würden Aylin und Matei auch im Schlaf finden.
Begonnen hat das große Umdenken erst nach der Multikrise von 2037. Da war es eigentlich fast schon zu spät.
„Zur Erinnerung an den Architekten Harry Glück, der dafür gekämpft hat, dass im Kapitalismus nicht nur Reiche gut wohnen können“, steht auf einem Schild am Rand der Straße. Überschrieben ist der Text mit einem Motto von Glück: „Luxus für alle!“ – Aylin hat es in der Schule gelernt. Begonnen hat das große Umdenken erst nach der Multikrise von 2037. Da war es eigentlich fast schon zu spät.
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Niemand hatte bis dahin wirklich verstanden, was die Klimakrise bedeutet. Die Menschen machten einfach weiter und hofften, dass es irgendwie klappen würde. Ja, manche glaubten nicht mal, dass es eine Klimakrise gibt. Auch das hat Aylin in der Schule gelernt, auch wenn sie es kaum glauben kann. Wie unglaublich dumm manche Menschen damals waren, denkt sie, während die beiden an den Bohrtürmen des Geothermie-Kraftwerks Simmering vorbeiradeln.

Bild: Ilja Nedilko
Doch dann wurde es langsam wirklich eng, Oma Klara und ihre Lebensgefährtin Emily haben ihr oft davon erzählt. Es wurde immer heißer, immer öfter gab es Umweltkatastrophen mit Ernteausfällen. Und das Trinkwasser wurde auch langsam knapp. Millionen von Menschen mussten flüchten, weil es in ihren Ländern einfach zu heiß wurde. Und während die Katastrophe immer näher kam, hatten die Superreichen nur ihre Profite im Auge, flucht Oma Emily oft.
„Klara ganz vorne in der ersten Reihe, sie war so mutig!“
Bis zur großen Multikrise, wo weltweit endgültig klar wurde, dass sich dringend etwas ändern muss. Emily erzählt manchmal, wie Klara und sie damals für Veränderungen demonstriert haben: „Klara ganz vorne in der ersten Reihe, sie war so mutig!“ Oma Klara nickt dann meist stumm und ihre braunen Augen werden feucht. „Es geht eben nur gemeinsam!“, sagt sie dann immer und streichelt ihrer Enkelin über die Haare. Aylin kuschelt sich in solchen Momenten so gern an ihre Omas.
Jetzt ist zwar immer noch nicht alles gut, ganz im Gegenteil. Aylin sieht ja, wo es überall Probleme gibt. Aber wir haben zumindest gelernt, mit der Klimakrise umzugehen, denkt sie. Gut, dass wir gerade noch rechtzeitig aufgewacht sind. Das hätte wirklich schlimm werden können.
Dieser Text wurde zuerst in der Zeitschrift von urbanforum.at veröffentlicht.
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